Montag, 21. Oktober 2013

Die beste Sitzordnung in der Schule

U und Notfall-U (Labrig)
Nicht jede Sitzordnung hält, was sie verspricht. Vor kurzem diskutierte ich mit einer Kollegin über die Sitzordnung in ihrer Klasse. Hatte ich richtig argumentiert? Zu Hause suchte ich im Internet; die beste Literatur hingegen[1] stand im Büchergestell.

Richtigerweise stellt Herr Labrig fest, dass das häufig verwendete U oft nur eine kosmetische Variante des klassischen Frontalunterrichts ist. Wenn dann aus Platzgründen noch Schulbänke ins U hineingestellt werden, entsteht so ein sogenanntes Notfall-U. Dann ist es mit dem theoretischen Sichtkontakt zwischen den Schulkindern sowieso zu Ende. Ich frage mich aber auch beim reinen U, was dieser Kontakt bringt, da die Distanz für die meisten Diskussionen zu gross ist.

Viereck (Labrig)
Auch wenn die frontale Stuhlung als altmodisch gilt: Wer viel frontal unterrichtet, soll dazu stehen und entsprechend stuhlen und nicht eine pro forma moderne Bankordnung wählen (siehe auch weiter unten). Oder wenn einem am Sichtkontakt jedens mit jedem wirklich etwas liegt, man vielleicht oft Diskussionen oder Lehrgespräche mit der ganzen Klasse führt, kann das U ganz einfach zum Viereck geschlossen werden. Dies ist, was Herrn Labrigs Schüler vorgeschlagen haben. Insbesondere wenn des Lehrers Platz irgendwo ist, auf der Seite oder hinten aus klassisch-frontaler Sicht, ist dies sicher keine verdeckte Frontalordnung mehr. Sie haben erkannt, dass so die Klasse als Klasse viel stärker zum tragen kommt und der Lehrer einer unter vielen, primus inter pares ist; die Überlegungen jedoch zwischen allen hin und her gehen und nicht nur zwischen einem Kind und dem Lehrer; Sicht- und Lernbeziehungen entstehenn können.

Frontal (Gasser)
Eine interessante Variante des U habe ich kürzlich in einem Schulzimmer entdeckt: Die Kinder sitzen auf der Innenseite des U mit Sicht gegen die Wand oder das Fenster. Der Kollege sieht manche Vorteile. Unter anderem die geringere Ablenkung bei Stillarbeit. Da die Stühle der Kinder drehbar sind, kann innert Sekunden ein Fastkreis im Innern des U gebildet werden. Auch wenn er etwas an der Tafel erklärt, drehen sich die Kinder mit dem Stuhl, was auch den Vorteil hat, dass wer noch etwas malen will, dies hinter dem Rücken tun muss ;-)

Gruppentische (Gasser)
Gruppentische eignen sich vor allem dann, wenn in der Klasse hauptsächlich in Gruppen- und Partnerarbeit gearbeitet wird. Folglich müssen am gleichen Tisch die Kinder der jeweiligen Lerngruppe zusammensitzen. Das Lernen wird bei diesen Arbeitsformen mit Arbeitsaufträgen ausgelöst und auch weitgehend gesteuert.[1] Der Lehrer steht nicht an der Tafel, sondern er ist Beobachter, Berater und aktiver Zuhörer. Ausserdem ist er dafür veranwortlich, wie Aussenseiter in die Gruppe integriert werden und überlegt sich bereits, ob die Resultate auf Plakaten präsentiert werden, mit Gruppenmischung oder an einem Infomarkt.

Noch viel stärker durch die Unterrichtsform geprägt ist die Sitzordnung beim Werkstattunterricht. Eine sehr schöne Darstellung dazu aus Achermann: Die einzelnen Ecken sind für die Arbeit mit einer jeweiligen Methode eingerichtet. An anderen Orten ist Material im Überangebot vorhanden, damit immer alle etwas zum Arbeiten vorfinden und die Kinder zu autonomen und selbstbestimmten Lernen stimuliert werden. Kein Schulzimmer lässt sich so einrichten; eine solche Einrichtung wächst im Laufe der Zeit. Auch hier ist die freie Sicht auf die Wandtafel sekundär, respektive nur von bestimmten Stellen im Raum nötig und möglich. Der Lehrer ist im Gegensatz zum Frontalunterricht nicht Dozent, sondern Anreger, Berater und Organisator.

Unabhängig von der Sitzordnung findet Unterricht bei Lehrausgängen statt. Lernen in ausserschulischen Situationen. Da schreibt einer auf seinem Knie, der andere auf seines Kameraden Rücken; Randsteine eignen sich als Sitzbänke und Kieswege als Wandtafel...

Wochenplan (Gasser)
Die letzte Illustration stammt noch einmal aus Gasser. Er hat sie verwendet, um zu illustrieren, wie sich die Ordnung in einem Klassenzimmer entwickeln kann, wenn mit Wochenplänen gearbeitet wird. Dieses Bild erinnert mich in manchem an das schönste Schulzimmer meines Lebens. Vorne links standen ganz eng Bänke frontal. Vorne war Platz für einen Kreis und in der rechten Hälfte waren zwei Gruppentische. Hinter der Frontalstuhlung bildeten ein Gestell und zwei einzelne Bänke eine Leseecke, wobei im Gestell und auf dem breiten Fenstersims je ein Rechner stand. Der dritte war (am Treppengeländer angekettet) im Treppenhaus vor dem Schulzimmer - das war zu Zeiten bevor die Feuerpolizei auch ausserhalb der Fluchtwege rigoros alles wegräumen liess. Ganz so konfortabel lässt sich dies nur einrichten in einem Schulhaus aus dem 19. Jahrhundert, das noch für Klassen mit 80 Kindern gebaut worden ist oder aber wenn man in einem Jahr eine ziemlich kleine Klasse hat, wie im obigen Beispiel mit 16 Kindern.

Gasser führt noch fünf weitere Varianten auf, doch das wesentliche wurde gezeigt: Die Methode und die eingesetzten Werkzeuge führen dazu, wie in einem Schulzimmer gesessen, gearbeitet wird. Daneben gibt es auch disziplinarische Überlegungen, wobei eine Wechselwirkung entsteht.

Nicht einmal ob die Kleinen nach vorn gehören, lässt sich allgemein sagen (hier irrt Focus) - nur dass Linkshänder mit der Schreibhand nach von Vorteil nach aussen sitzen. Ob ein guter Schüler einem schlechten weiterhelfen kann oder will oder soll; ob sich ein nervöses Kind durch einen ruhigen Nachbarn stiller wird, das alles lässt sich nur ausprobieren. Dabei geht es aber wie oben gezeigt in erster Linie nicht, wie Caspar Mellwig meint, um eine freundliche Atmosphäre, sondern schlicht darum, den Raum so einzurichten, dass Kinder und Lehrer gerne zur Schule kommen und dort in einer anregenden Umgebung effizient lernen können. Das letzte Wort hat zumindest formell der Lehrer, auch wenn er je nach Alter der Kinder und angewandter Unterichtsmethode diese je nach dem auch einbeziehen wird. Aussen vor bleiben hingegen die Eltern, wie die F.A.Z. richtig schreibt und auch richtigerweise darauf hinweist, dass eine Konstanz durchaus viel zu Ruhe und Lernatmosphäre beitragen kann. Ständige Rotation hingegen verursacht in erster Linie Wirbel.

[1] Gasser, Peter: Didaktische Impulse. Gerlafingen, 1992: Eigenverlag. (vergriffen)

1 Kommentar:

  1. Vielen Dank für diese übersichtliche Darstellung. Ich habe mir noch nie so ausführlich Gedanken über die Konsequenzen einer Sitzordnung gemacht. Experimentiert habe ich auch schon mit dem Notfall-U, den Klippertschen Winkeln, Tischgruppen etc. Momentan steht in meiner 4 eine ganz klare Frontalordnung - 3 Reihen zu je vier Tischen. DIe werden allerdings auch total oft gerückt und flott zu Gruppentischen zusammen gerückt. Das finde ich mit den Großen effektiver. An Dauergruppen lief es in dieser Klasse gar nicht, da haben die allermeisten Jungs komplett abgeschaltet. In den Reihen habe ich momentan alle am besten in Blick und wir verrücken die Tische immer dann, wenn wir eine andere Ordnung brauchen. Für einen Sitzkreis weiche ich manchmal spontan in den nebenan liegenden FAchraum aus, in dem ein Bankkreis steht.
    Ich finde auch immer, dass die Sitzordnung für die Lehrkraft und die Kinder geeigent sein muss. Eine Kollegin hatte in den ersten Wochen in der eins auch den Kreis mit Blick nach außen; anders ging es in der Klasse kaum. Inzwischen klappen dort sogar Gruppentische. Gut erzogen! :-)

    Katha

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